Machbarkeitschecks – Urban Living Lab
Datum: 5., 7. Mai und 16. Juni 2025
Orte:
Art der Veranstaltung: Machbarkeitscheck-Workshop
Inhalt/Thema: Reflexion identifizierter Stellschrauben aus den vorangegangenen Praxis-Check Workshops
Teilnahme: 50 Teilnehmer*innen vor Ort
Von Oktober 2024 bis Februar 2025 fanden im Urban Living Lab "Zirkuläres Bauen Wien" 4 Praxis-Check-Workshops statt. Expert*innen aus Praxis, Forschung und Verwaltung erarbeiteten gemeinsam, welche Voraussetzungen es braucht, um zirkuläres Planen und Bauen erfolgreich in die Umsetzung zu bringen.
Aus den Ergebnissen wurden 5 zentrale Stellschrauben für den Wandel im Bauwesen abgeleitet. Diese flossen in sogenannte Machbarkeitschecks ein. Das sind kompakte Diskussionsformate mit etwa 10 gezielt ausgewählten Multiplikator*innen. Eingeladen waren Fachleute, die Rahmenbedingungen aktiv mitgestalten und so das Potenzial haben, diese Stellschrauben wirksam zu bedienen.
Folgende 5 Stellschrauben wurden diskutiert:
1. Der Mensch im Mittelpunkt: Kreislaufwirtschaft und die soziale Dimension
Die Transformation im Bauwesen gelingt nicht allein durch technische Innovationen. Entscheidend ist, wie Gebäude genutzt und erlebt werden. Kreislaufwirtschaft und soziale Nachhaltigkeit sind dabei eng miteinander verbunden.
Zentrale Erkenntnisse für das gemeinsame Vorankommen:
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Soziale Nachhaltigkeit als Fundament für gelebte Kreislaufwirtschaft: Prinzipien wie gemeinschaftliches Nutzen, partizipative Prozesse und flexible Raumkonzepte sind nicht nur soziale Qualitäten - sie spiegeln zugleich zentrale Denk- und Handlungsweisen der Kreislaufwirtschaft wider. Sie schaffen die kulturelle und prozessuale Grundlage für deren erfolgreiche Umsetzung. Umgekehrt verleiht der aktuelle Fokus auf zirkuläres Bauen auch der sozialen Nachhaltigkeit neuen Schub: Ihre oft unterschätzte Bedeutung rückt stärker ins Bewusstsein und gewinnt an Sichtbarkeit und Relevanz.
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Raum ist Ressource: Wenn Räume flexibel und gemeinschaftlich genutzt werden, entstehen soziale Begegnungen und gleichzeitig wird der Materialverbrauch reduziert. Das macht Raumgestaltung zu einem zentralen Hebel für die Verbindung von sozialer Nachhaltigkeit und zirkulärem Bauen.
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Strukturen statt Einzelinitiativen: Eine der größten Herausforderungen bleibt, soziale Aspekte nicht nur projektweise zu denken, sondern strukturell und institutionell zu verankern, damit sie langfristig Wirkung entfalten. Dies gilt ebenso für Maßnahmen zur Umsetzung der Kreislaufwirtschaft.
2. Daten, die den Kreislauf schließen: Kreislaufwirtschaft funktioniert nur mit transparenten, zugänglichen und vernetzten Daten
Digitale Tools und verlässliche Daten sind grundlegend für die Umsetzung einer zirkulären Bauwirtschaft. Derzeit fehlt jedoch eine durchgängige, standardisierte und offene Dateninfrastruktur, die den Austausch und die Nutzung von Informationen über den gesamten Lebenszyklus von Gebäuden ermöglicht. Dies erschwert die Umsetzung geschlossener Kreisläufe maßgeblich.
Zentrale Erkenntnisse für das gemeinsame Vorankommen:
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BIM als Schlüsseltechnologie: Eine flächendeckende, standardisierte Anwendung von Building Information Modeling (BIM) ist entscheidend, um verlässliche Datenströme über Planung, Bau, Nutzung und Rückbau hinweg sicherzustellen.
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Offene Datenstrukturen schaffen Zugänglichkeit: Derzeit verhindern uneinheitliche Datenhaltung, fehlende Schnittstellen und mangelnde Standards eine effektive Nutzung von Material- und Gebäudedaten. Offene Formate sind Grundvoraussetzung für Zusammenarbeit und Innovation.
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Klare Regeln für den digitalen Wandel: Nur mit verbindlichen Standards, abgestimmten Prozessen und praxisnahen Vorgaben lassen sich digitale Werkzeuge im Sinne der Kreislaufwirtschaft zielgerichtet einsetzen.
3. Den Materialkreislauf schließen: Kreislaufwirtschaft braucht ein Re-Use Ökosystem
Zahlreiche Initiativen für ressourcenschonendes Bauen existieren bereits – was fehlt, ist ein übergreifendes System, das diese Ansätze vernetzt und sichtbar sowie skalierbar macht. Ein funktionierendes Re-Use-Ökosystem ist essenziell, um den Materialkreislauf im Bauwesen zu schließen.
Zentrale Erkenntnisse für das gemeinsame Vorankommen:
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Mit dem starten, was bereits geht: Re-Use funktioniert derzeit besonders gut, wenn es technisch und organisatorisch leicht zu handhaben ist – etwa bei System-Trennwänden, Doppelbodenplatten oder Ziegelsteinen. Mit ihnen lassen sich praxistaugliche Prozesse entwickeln und erste Märkte aktivieren - noch bevor sämtliche Rahmenbedingungen auf Zirkularität ausgerichtet sind.
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Neue Bewertungslogiken als Voraussetzung für Re-Use: Lineare Kalkulationslogiken machen Wiederverwendung oft zum Kostenfaktor - nicht, weil sie per se teurer sind, sondern weil bestehende Modelle ihren ökologischen und wirtschaftlichen Mehrwert nicht abbilden. Es braucht neue Bewertungsmaßstäbe und gezielte Anreize, die Re-Use finanziell konkurrenzfähig und planungssicher machen.
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Anreize für Kreislaufwirtschaft und Klimaschutz verschränken: Re-Use verbindet Kreislaufwirtschaft und Klimaschutz, indem graue Emissionen erhalten bleiben. Der Einsatz wiederverwendeter Produkte oder Bauteile scheitert jedoch oft an linear ausgerichteten Prozessen und Regularien. Forschungs-, Entwicklungs- und Förderprogramme sollten diesem Hebel besondere Aufmerksamkeit schenken. Hier besteht hoher Handlungsbedarf und großes Potenzial zugleich.
4. Wissensnetzwerke als Schlüssel zum Erfolg: Kreislaufwirtschaft braucht Schwarmintelligenz
Die Notwendigkeit des Wandels ist wissenschaftlich eindeutig, aber noch nicht überall gleichermaßen angekommen. Während manche Akteur*innen die Dringlichkeit und den Handlungsdruck noch unterschätzen, gibt es andere, die bereit sind zu handeln, aber Orientierung suchen. Wieder andere sind bereits weiter, verfügen über wertvolle Erkenntnisse, wollen diese teilen und gemeinsam weiterentwickeln. Der Wandel beginnt auf unterschiedlichen Ebenen - Vernetzung und Wissenstransfer sind entscheidend, um alle mitzunehmen und Wirkung zu entfalten.
Zentrale Erkenntnisse für das gemeinsame Vorankommen:
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Das "Warum" bleibt zentral: Parallel zur Entwicklung zirkulärer Lösungen muss weiterhin vermittelt werden, warum der Wandel nötig ist. Wissenschaftliche Erkenntnisse bilden die Grundlage, doch sie müssen verständlich aufbereitet und klar kommuniziert werden. Dabei gilt es, zentrale Zusammenhänge sichtbar zu machen - etwa zwischen Ressourcenverbrauch, Klimaauswirkungen und dem Verlust an Biodiversität.
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Gemeinsames Verständnis schafft Wirkung: Kreislaufwirtschaft lebt vom Zusammenspiel Vieler. Dafür braucht es zielgruppengerechte Formate, kreative Vermittlungsansätze und Weiterbildungsangebote – für Profis ebenso wie für neue Mitstreiter*innen.
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Vernetzung entfaltet kollektive Veränderungskraft: Vorreiter*innen sind wichtigm, doch echte Transformation entsteht, wenn immer mehr engagierte Akteur*innen dazukommen, sich einbringen und gemeinsam gestalten. Je breiter die Beteiligung, desto größer die Hebelwirkung. Vernetzung ist der zentrale Motor: Sie verbindet Menschen, bündelt Wissen und macht Veränderung wirksam und sichtbar.
5. Zirkularität ist nicht nachrüstbar: Kreislaufwirtschaft erfordert eine neue Planungskultur
Die aktuellen Vorgaben, Prozesse, Rollen oder Bewertungssysteme sind auf ein lineares System ausgerichtet. Zirkuläres Bauen stellt aber andere Anforderungen an den Planungsprozess als herkömmliche, lineare Vorgehensweisen. Es setzt eine andere Denkweise voraus und ist dabei keine Maßnahme, die "auf Knopfdruck" umgesetzt werden kann. Vielmehr verlangt die Transformation die aktive Mitgestaltung aller Akteur*innen.
Zentrale Erkenntnisse für das gemeinsame Vorankommen:
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Skalierbare Pilotprojekte als Lernräume und Katalysatoren: Pilotprojekte sind essenziell, um zirkuläres Bauen konkret erlebbar zu machen. Sie zeigen, was möglich ist, machen Herausforderungen sichtbar und helfen dabei, neue Routinen zu entwickeln. Es braucht deutlich mehr solcher Vorhaben, um systematisch Erfahrungswissen aufzubauen und dieses gezielt weiterzugeben. Nur durch wiederholtes Tun entsteht das Know-how, das notwendig ist, um Zirkularität langfristig im Planungs- und Baualltag zu verankern. Pilotprojekte dürfen dabei kein Selbstzweck bleiben - ihr Potenzial liegt in der Überführung in tragfähige, skalierbare Lösungen, die wirtschaftlich funktionieren und in der Breite anwendbar sind. Voraussetzung dafür ist, dass das gewonnene Wissen strukturiert dokumentiert, reflektiert und zugänglich gemacht wird.
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Zirkuläre Qualitäten gezielt verankern: Zirkularität stellt neue Anforderungen an Planung und Gestaltung. Viele davon lassen sich quantifizieren, etwa Materialeffizienz oder Treibhausgasemissionen. Andere Aspekte wie räumliche Flexibilität oder städtebauliche Einbindung sind qualitativ und kontextabhängig. Dieses Spannungsfeld erfordert ein sorgfältiges Ausbalancieren zwischen messbaren Kriterien und gestalterischer Offenheit. Klar ist: Die Welt wird komplexer und umso mehr braucht es Prozesse, die Orientierung geben, ohne zusätzliche Hürden aufzubauen. Pilotprojekte spielen dabei eine zentrale Rolle, denn durch das praktische Tun entstehen neue Routinen und ein gemeinsames Verständnis für die Vielfalt zirkulärer Qualitäten.
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Planung neu denken - Rollen und Verantwortung gemeinsam weiterentwickeln. Zirkuläres Bauen erfordert nicht nur neue Werkzeuge, sondern auch ein anderes Selbstverständnis im Planungsprozess. Die klassische Abfolge von Leistungsphasen greift zu kurz, wenn Materialien rückgebaut, Gebäude umgenutzt oder in Kreisläufe überführt werden sollen. Statt klar getrennter Zuständigkeiten braucht es mehr Zusammenarbeit über Disziplinen, Leistungsbilder und Projektphasen hinweg. Neue Rollenprofile, integrative Planungsansätze und eine veränderte Fehlerkultur können helfen, Komplexität produktiv zu bewältigen und Innovation zu ermöglichen. Auch hier gilt: Praxis schafft Klarheit - durch gemeinsam entwickelte, realitätsnahe Modelle und Pilotprojekte.